Wie individuell muss Software sein?

Individualisierbarkeit bei Autos - Oranges Auto in einer Reihe grauer AutosWir können heute viele Aspekte und Elemente unseres privaten und beruflichen Alltags auf unsere Vorlieben und Bedürfnisse einstellen. Das geht am Morgen schon los mit der Wassertemperatur beim Duschen. Dann kommt das Frühstück: Saft, Milch, Tee oder  Kaffee, mit oder ohne Milch und Zucker, dazu ein gesundes Müsli, Brot mit Marmelade oder doch lieber etwas Herzhaftes. Es gibt so gut wie nichts, das wir nicht an unsere individuellen Vorstellungen oder Wünsche anpassen können. Wir suchen uns die Farbe und Ausstattungsmerkmale unseres Autos aus, Modell, Farbe und Klingelton unseres Handys, usw.

Warum sollten wir Software oder ein Webportal nicht auch unseren individuellen Wünschen und Bedürfnissen anpassen können?

Die Norm nennt es „Individualisierbarkeit“ wenn man ein System entsprechend anpassen kann. Doch was verbirgt sich genau hinter diesem Dialogprinzip?

Die Norm

In der DIN EN ISO 9241:110 steht: „Ein Dialog ist individualisierbar, wenn das Dialogsystem Anpassungen an die Erfordernisse der Arbeitsaufgabe, individuelle Vorlieben des Benutzers und Benutzerfähigkeiten zulässt.“ 

Wie stellt sich die Norm diese Anpassungen vor?

Die Erfordernisse der Arbeitsaufgabe

Wir alle verwenden ein System um eine ganz bestimmte Aufgabe zu lösen und an eben diese Aufgabe sollten wir es anpassen können. Nehmen wir zum Beispiel ein Textverarbeitungsprogramm in einer IT Firma. Alle Mitarbeiter verwenden das gleiche Programm, passen es aber an ihre individuelle Arbeitsaufgabe an.

Die Chefsekretärin verwendet es um Briefe zu schreiben. Für Serienbriefe ist das Programm mit der Kundendatenbank gekoppelt. Ausdrucke erscheinen direkt auf dem Drucker hinter ihr. Navigationsleisten oder Lineale benötigt sie nicht, also sind diese in ihrer individuellen Version wegkonfiguriert. Da sie alle Briefe in Deutsch schreibt ist die Rechtschreibhilfe auf Deutsch eingestellt.

Ein Mitarbeiter der Marketingabteilung verwendet das gleiche Programm um Flyer zu erstellen. Bei ihm sind die Farben des Corporate Designs als Default konfiguriert. Um den Text in den Flyern optimal positionieren zu können benötigt er das Lineal. Ausdrucke gehen an einen besonders hochwertigen Drucker um die Farbqualität vor dem Abschicken in die Druckerei besser überprüfen zu können. Die Rechtschreibhilfe ist so eingestellt, dass sie die Sprache des Flyers automatisch erkennt.

Ein Entwickler schreibt mit dem Textverarbeitungsprogramm u.a. die Designspezifikation. Also benötigt er die Navigationsleiste und Formatvorlagen für Überschriften der unterschiedlichen Ebenen. Wenn er drucken möchte, kann er sich einen Drucker irgendwo im Haus auswählen. Da alle Entwicklungsdokumente in Englisch geschrieben werden ist bei seiner Rechtschreibhilfe Englisch als Default eingestellt.

Die Vorlieben des Benutzers

Jeder von uns hat individuelle Vorlieben, wie z.B. einen bestimmten Musikstil, eine Lieblingsfarbe, bevorzugt große oder kleine Schriften usw. Auch hier sollten wir das System entsprechend anpassen können.

Um beim vorherigen Beispiel zu bleiben, könnte es also sein, dass ein Mitarbeiter als Hintergrundbild seines PCs ein Familienfoto hat, während ein anderer ein Bild von seinem letzten Urlaub und der Dritte gleich eine ganze Diashow seiner Lieblingsautos.

Nicht jede Anpassung eines Systems muss in diesem entwickelt worden sein. Manchmal kann man auch die Funktionalität eines anderen benutzen. So kann man sich zum Beispiel die Funktionalität des Betriebssystems, bzw. des Browsers zunutze macht um die Schriftgröße zu ändern.

Die Benutzerfähigkeiten

Auch an unsere individuellen Fähigkeiten sollte man ein System anpassen können. Hier noch einmal ein Beispiel aus unserer IT Firma:

Eine Mitarbeiterin ist Linkshänderin. Sie hat ihre Maus also so eingestellt, dass sie von einem Linkshänder bedient werden kann. Es wird jetzt zwar schwierig wenn der Rechtshänder von der IT einmal an den PC der Mitarbeiterin muss, aber für diese Mitarbeiterin ist genau diese Konfiguration die optimale Einstellung.

Gibt es auch Grenzen der Individualisierbarkeit?

Obwohl Individualisierbarkeit von Systemen wünschenswert ist, so muss es auch hier Grenzen geben. Nicht jede mögliche Änderung oder Anpassung ist gut. So darf durch die Einstellung eines Anwenders keine Beeinträchtigung für ihn hervorgerufen werden, zum Beispiel durch unangenehme Lautstärken nach Änderung der akustischen Rückmeldungen, unlesbare Texte nach Änderungen der Darstellung oder stark blinkende Objekte die epileptische Anfälle verursachen können.

Wie und wann sollte Individualisierbarkeit überprüft werden?

Die Designer und Entwickler sollten sich genau mit der Arbeitsaufgabe und Arbeitsweise, sowie den Wünschen und Vorstellungen der zukünftigen Benutzer auseinandersetzen um das System so individualisierbar wie möglich gestalten zu können. Dabei können ihnen Usability Experten mit ihrem umfangreichen Methodenbaukasten helfen.

Zu einem späteren Zeitpunkt können diese Experten im Zuge eines Usability Tests neben den anderen Grundsätzen zur Dialoggestaltung aus der DIN EN ISO 9241:110 auch die Individualisierbarkeit des Systems untersuchen.

Fazit

Individualisierbarkeit ist ein nicht zu vernachlässigendes, aber auch sehr sensibles Dialogprinzip. Wir alle sind Individuen deren Kenntnisse und Gewohnheiten unterschiedlich sind. Die Aufgabe für die wir ein System einsetzen ist eine Andere. Ein System sollte die Möglichkeit bieten diesen unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedingungen angepasst zu werden. Die Zufriedenheit der Anwender und ihre Produktivität steigen mit anpassbaren Benutzerschnittstellen. Sie arbeiten dann gerne mit dem System sowie schneller und fehlerfrei. Dennoch gilt auch hier: Nicht alles was grundsätzlich möglich ist muss auch anpassbar gemacht werden. Manchmal mag es einen guten Grund geben warum etwas nicht individualisierbar ist, wie zum Beispiel den Schutz der Anwender oder gesetzliche Vorschriften. Außerdem kann man sich oft die Eigenschaften des Betriebssystems oder Browsers zu Eigen machen um das eigene System etwas individueller zu gestalten.

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