Wider die Zertiflation

Zertiflation ist ein (noch) nicht im Duden enthaltenes Kunstwort, das sich aus den Bestandteilen „Zertifikat“ und „Inflation“ zusammensetzt. Damit gemeint ist die stark zunehmende Zahl von Zertifikaten, die sich in der IT- und Software-Branche erwerben lässt. Vorne dabei ist der Bereich des Testings: Bis Jahresende 2014 wurden vom ISTQB über 383.000 Zertifikate in mehr als 100 Ländern an Tester ausgegeben. Und die Zahl der verschiedenen Zertifikate, die sich erwerben lässt, steigt stetig.

Kürzlich nahm ich an einer Veranstaltung zum Thema „Testdatenmanagement“ teil. Ein guter Vortrag zu einem brennenden Thema. Als Randnotiz merkte der Referent an, dass eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen wird, die sich jetzt auch über ein Curriculum und künftige Zertifizierungen für Testdatenexperten Gedanken macht. Dieser Hinweis hat mir zu denken gegeben.

Sind in den letzten Jahren unter dem Dach von IREB und ISTQB nicht schon ausreichend Testing-Zertifizierungen entstanden? Welche Aussagekraft haben diese Zertifizierungen?

Michael Bolten adressierte schon 2007 die damals noch am Anfang stehende Flut von Testing-Zertifizierungen in seiner Keynote zur Eurostar-Konferenz. Sein Hauptkritikpunkt an den Prüfungen: „Niemand sieht Niemandem beim Testen zu“. Ich meine, die Kritik von damals hat weiterhin ihre Berechtigung. Die Zertifizierungsprüfungen finden im stillen Kämmerlein statt, primär auf Basis von Multiple-Choice-Fragen. Nur für das Expert-Level ist inzwischen ein praktischer Teil im Rahmen eines vorgeschalteten Trainings vorgesehen. Ob ein Prüfling das bisweilen so bezeichnete „Testing-Gen“ in sich trägt, also den unbedingten Drang verspürt, in einer Software oder in einem Produkt nachdrücklich Fehler aufzudecken, lässt sich auf diese Weise nicht nachweisen.

Die Macht des Faktischen

Warum unterziehen sich Tester den Zertifizierungen? Die Zertifikate stellen einen faktischen Hygienefaktor dar: Bei Firmen, die Tester für ihre Projekte suchen, wird ein einschlägiges Zertifikat häufig als Selbstverständlichkeit erachtet. Ist es nicht vorhanden, so stellt dies einen Mangel dar. Kandidaten fallen ohne das „Certified Tester“-Attribut von vorneherein schon aus dem Suchraster, egal welche entscheidenden Vorzüge sie sonst mitbringen. Dies hat zur Folge, dass Jahr für Jahr Brigaden von Testern zertifiziert werden. Und als Business-Manager in einem Unternehmen, das Testdienstleistungen anbietet, muss ich zugestehen, dass dies für Mitarbeiter meines Teams natürlich ebenso passiert. Auf der anderen Seite habe ich im Team auch erfahrene und begnadete Tester, die ob ihrer Fähigkeiten von Kunden höchst geschätzt sind, jedoch nie mit ISTQB in Berührung kamen.

Das Geschäft brummt

Die Entwickler der Lehrpläne und Prüfungsfragen, die Trainingsanbieter, die maßgeschneiderte Kurse im Vorfeld der Zertifizierungen anbieten und schließlich die Zertifizierungsstellen haben ein gut funktionierendes Ecosystem geschaffen. Die Zukunftsaussichten können als rosig angesehen werden: Web 2.0, Internet 4.0 und künftige Herausforderungen mit noch höheren Versionsnummern und der Abhängigkeit von noch größeren Mengen an Software lassen Bedarf an mehr Test und an mehr Testern erwarten.

Worauf es ankommt

Nach meiner Erfahrung – und noch viel wichtiger nach dem Feedback, das ich von Kunden habe – lebt der Test neben einem guten theoretischen Background in deutlich höherem Maße vom Erfahrungsschatz und den praktischen Fähigkeiten der ausübenden Personen. Dem gegenüber tun sich bei der Zertifizierung vor allem Probanten leicht, die gut auswendig lernen und Begriffsdefinitionen effizient wieder ausspeichern können. Ein „Certified Tester Foundation Level“ hat zwar gezeigt, dass er ein Basisglossar kennt, bleibt aber eigentlich den Beweis schuldig, dass er je einmal getestet hat. Wäre es nicht denkbar, einem Tester im Rahmen der Zertifizierung tatsächlich auch etwas testen zu lassen? Sicher, die Prüfungen wären aufwändiger, das oben erwähnte Ecosystem hätte wohl einen geringeren Durchsatz – aber die Zertifikate wären aussagekräftiger. Weniger kann mehr sein.

Was ist Ihre Erfahrung mit zertifizierten – und nicht zertifizierten Testern?

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