Von Obst und Äpfeln, Qualitätssicherung und Testen

Begeben wir uns in den Bereich der Mengenlehre. Hier ein praktisches Beispiel: Die Menge der Äpfel ist eine echte Teilmenge von Obst, mathematisch ausgedrückt: Äpfel ⊂ Obst. Echte Teilmenge deshalb, weil es neben Äpfeln auch Birnen, Trauben, Bananen und viele andere leckere Obstsorten gibt. Bildet man die Vereinigungsmenge Äpfel ∪ Obst, so ergibt dies wiederum Obst, da jeder Apfel bereits ein Element der Menge Obst ist.

Nun nehmen wir an, Sie schicken (falls vorhanden) Ihr Kind mit einem Einkaufszettel zum Obsthändler um die Ecke. Steht auf dem Einkaufszettel „1 Apfel, 1 Birne“, dann wissen Sie ziemlich genau, womit Ihr Kind nach Hause kommt. Aus Sicht der Mengenlehre sind Äpfel und Birnen klar disjunkte Mengen. Steht hingegen auf dem Einkaufzettel „1 Obst, 1 Apfel“, dann wird der Obsthändler ins Grübeln kommen, was er Ihrem Nachwuchs einpacken soll.

Mit dieser Vorrede jetzt zur Nomenklatur im Bereich der Qualitätssicherung…

Vor einigen Tagen diskutierte ich mit Thomas Hübner, einem Kollegen, der auch als Autor in diesem Blog schreibt, über den neu erschienenen „World Quality Report“. In dieser inzwischen in der sechsten Ausgabe erschienenen Marktstudie ist an vielen Stellen die Rede von „QA and Testing Budgets“ bzw. „QA and Testing Organizations“. Wir stolperten über die Fragestellung, ob Qualitätssicherung (Quality Assurance / QA) und Testen (Testing) tatsächlich als disjunkte Mengen zu betrachten sind, oder ob Qualitätssicherung das Testen mit einschließt. Auch an anderer Stelle findet man häufig diese explizite Trennung. Hier zwei weitere Beispiele: Seit vielen Jahren wird eine namhafte internationale Konferenz „QA & Test“ abgehalten. Schließlich werden in einschlägigen Jobbörsen auch Positionen für „QA & Testing“ offeriert.

Was sagt die Norm?

Zumindest die ISO 9000 stützt die Vermutung der disjunkten Mengen. Dort gibt es einerseits den Aspekt der „Quality Assurance“, mit dem Ansatz Fehler möglichst schon vor ihrer Entstehung zu vermeiden und andererseits den Aspekt der „Quality Control“, womit das Ergebnis eines (Produktions-) Prozesses abgeprüft wird. Im Bereich der Softwareentwicklung ist das Ergebnis der Produktion eine codierte Software, die auf ihre funktionalen und ggf. auch nicht-funktionalen Eigenschaften abgetestet wird. Gemäß der Norm aller Normen ist es also korrekt von „Qualitätssicherung und Test“ im Sinne unterschiedlicher Prozesse zu sprechen. Auch findet man in vielen Unternehmen diese Trennung in institutionalisierter Form, nämlich in Abteilungen für Qualitätssicherung und parallel dazu existierenden Testabteilungen.

Agil geht anders

Agile Entwicklungsprojekte weisen hingegen seit Jahren für den Bereich der Softwareentwicklung einen anderen Weg. Gemäß den agilen Prinzipien liegt die Verantwortung für Sicherstellung der Qualität beim gesamten Team, und die „klassische“ Rolle des Testers verschwindet. Inklusion ersetzt die früher postulierte Unabhängigkeit von Entwicklern und Testern. Qualität soll nicht erst noch aufwändig in eine eigentlich schon fertige Software „hineingetestet“ werden. Im Sinne der Mengenlehre tendiert das agile Modell zu Testen ⊂ Qualitätssicherung. Anders gesagt: Der Kundenvertreter im agilen Prozess muss nicht mehr Qualitätssicherung und zusätzlich noch Testen bestellen.

Aufwertung des Testers

Für das Image des Testers wäre es förderlich, wenn er nicht nur als die Instanz auftritt, die das Ergebnis einer Softwareentwicklung abcheckt (und bisweilen auch „zerpflückt“), sondern als Partner, der von Anfang an seinen Beitrag für die Sicherung der nachgefragten Qualität einbringt. Eine Aufzählung „QA und Testing“ im Sinne disjunkter Tätigkeiten sollte nach meiner Ansicht künftig nicht mehr notwendig sein.

Und wie halten Sie es mit dieser Nomenklatur?

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